Krisengefüge der Künste
print


Navigationspfad


Inhaltsbereich

Teilprojekt 4: Outside the Box: Ästhetische Neu-Formatierung an öffentlich getragenen Theatern im Anschluss an die pandemiebedingten Schließungen 2020 in Deutschland, Großbritannien und der Schweiz

Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Theaterwissenschaft

 

Leitung: Dr. Bianca Michaels

Mitarbeit: Angelika Endres, M.A.

Hilfskraft: Clara Godlinski

 

In den letzten 20 Jahren treten in den Spielplänen öffentlich getragener Theater vermehrt neue Theaterformen und -formate auf wie etwa Kulturvermittlungsangebote, partizipative Projekte und ortsspezifische Stückentwicklungen. Im Teilprojekt 4 (Von Bürgerbühnen und Stadtprojekten — Neu-Formatierung als Symptom des institutionellen Wandels im gegenwärtigen deutschen Stadt- und Staatstheater) wurde während der ersten Förderphase (2018-2021) erforscht, ob bzw. inwiefern diese Formate nicht nur den Spielplan einzelner Theaterorganisationen verändern, sondern wie diese aus einer Makroperspektive zugleich als Symptom oder sogar Motor einer grundlegenden Transformation auf institutioneller Ebene betrachtet werden können. Im Rahmen der qualitativen und quantitativen Analysen konnte eine Zunahme dieser Formate und eine Diversifizierung der Spielplangestaltung festgestellt werden. Zudem zeigte sich, dass der fachöffentliche Diskurs hinsichtlich der Themen Partizipation und Laien auf der Bühne seit Beginn der 2000er Jahre kontinuierlich an Bedeutung und Kontur gewonnen hat. Die Theater positionieren sich in ihren neu entwickelten Formen und Formaten – insbesondere im Rahmen von partizipativen Projekten – nicht nur als Organisationen der Produktion und Rezeption von Kunst in Form von Aufführungsereignissen in den verschiedenen Sparten, sondern auch als öffentliche Orte. An diesen rücken über die Produktion und Rezeption von Kunst hinaus zunehmend sozialer Austausch, Begegnungen und auch Hilfeleistungen in den Fokus. Die untersuchten Formen und Formate stellen gesellschaftliche Praxis nicht nur dar, sondern machen deutlich, inwiefern Theater selbst eine Form gesellschaftlicher Praxis ist.

Mit Auftreten der Covid19-Pandemie und der temporären Theaterschließungen zum Ziel des Infektionsschutzes lassen sich seit März 2020 kurz- bis mittelfristig sehr abrupte institutionelle Transformationsprozesse in der Spielplangestaltung öffentlich getragener Theater beobachten. Vor dem Hintergrund der erhobenen Ergebnisse der ersten Projektphase zur ästhetischen Neu-Formatierung unter weitgehend analogen Bedingungen werden in der zweiten Förderphase die Auswirkungen der pandemiebedingten Theaterschließungen auf die Angebote der öffentlich getragenen Spielstätten in Deutschland, Großbritannien und der Schweiz untersucht. Während einige Theater den Spielbetrieb vorübergehend komplett einstellten, boten andere bestehende, teils interne Mitschnitte von früheren Aufführungen als Stream bzw. Video-on-Demand an. Neue Angebote, die unter den Pandemie-bedingten Vorgaben zum Social Distancing eigens für die medialen Bedingungen der Distribution über das Internet produziert wurden, nahmen Einzug in den Spielplan. Darüber hinaus wurden und werden neue Aufführungskonzepte mit räumlichen Veränderungen des Zuschauerraums und mit wenig(er) Akteur*innen auf der Bühne entwickelt.

Dieser äußerst dynamische Prozess anhand der Entwicklung der digitalen und analogen Theaterangebote seit März 2020 sowie der drei folgenden Spielzeiten bis 2022/23 wird anhand von drei Untersuchungskategorien dokumentiert und analysiert:
(A) Ästhetische Neu-Formatierung und Spielplangestaltung
(B) Medientheoretische Kontextualisierung
(C) Auswirkungen auf Theater als Institution
Eine Ausgangsthese lautet, dass die digitalen Formate, welche die Künstler*innen zu Beginn der Pandemie z.T. aus ihren heimischen Wohnzimmern weitgehend in Eigenregie produzieren und im Laufe der Zeit zunehmend an Professionalität gewinnen, trotz der völlig unvergleichbaren Produktionsweise unmittelbar anschließen an die in der ersten Förderphase untersuchten neuen Formen und Formate, die sich in den vergangenen 20 Jahren an deutschen Stadt- und Staatstheatern etabliert haben. Das pandemiebedingte Proben- und Aufführungsverbot bringt nicht nur zahlreiche neue Formen hervor, Künstler*innen und die hier vornehmlich untersuchten öffentlich getragenen Theater stellen mit ihren digitalen Produktionen das Diktum der physischen Kopräsenz als grundlegender Bedingung von Theater in ihrer Praxis infrage. Darüber hinaus sollen für das Forschungsfeld der ästhetischen Neu-Formatierung während und nach der Corona-Pandemie ebenso regulative und normative Strukturen wie auch kulturell-kognitive Handlungsmuster analysiert und auf Basis der erhobenen Daten in Relation zueinander gesetzt werden. Ziel ist hierbei die Antwort auf die Frage nach den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Theater als Institution, insbesondere hinsichtlich der Erwartungsstrukturen an das Theater und an seine künstlerischen Angebote.


Servicebereich