Krisengefüge der Künste
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Teilprojekt 6: Europäischer Theaternachwuchs: Regieausbildung im Wandel

Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut für Angewandte Theaterwissenschaft

 

Leitung: Prof Dr. Gerald Siegmund

Mitarbeit: Benjamin Hoesch, M.A.

Hilfkraft: Ricarda Hillermann

 

In einem komplementären Fokus zur Untersuchung des Nachwuchsfeldes in der ersten Förderperiode wird das organisationale Feld der Ausbildung zur Regie und vergleichbarer Studiengänge deutschland- und europaweit untersucht. Das Krisengefüge der Künste schlägt sich auch hier in einem erheblichen institutionellen Wandel nieder, der die Ausbildungsorganisationen selbst vor Legitimationsverlust bewahrt und zugleich neue Strategien zur Professionalisierung von Absolvent*innen erzwingt. Damit verbunden sind sowohl neue Unterrichtsmethoden als auch ein grundlegender Wandel dessen, was man unter Regie überhaupt verstehen kann. Ausbildungsgänge reagieren auf die institutionellen Transformationen des Theaters und wollen diese zugleich offensiv mitgestalten. Das Nachwuchsfeld wird so zum institutionellen Experimentierraum, insbesondere hinsichtlich einer verstärkten Internationalisierung. Im Fokus der Untersuchung stehen deshalb zum einen der Vergleich von drei deutschsprachigen Studiengängen zur Regieausbildung (Hamburg, Gießen, Bochum), die signifikante Beiträge zum Wandel der Institution geleistet haben. Daran anschließend sollen diese mit ihren internationalen Alternativen, insbesondere dem DasArts-Programm der Theaterschool Amsterdam, verglichen werden. Zum anderen rücken die Dynamiken der Internationalisierung von Ausbildungsgängen selbst als zunehmende Verflechtung und gegenseitige Beeinflussung über Landesgrenzen hinweg ins Blickfeld. Untersucht wird hier das Programm zweier internationaler Nachwuchsfestivals (Setkání/Encounter in Brno/Tschechien und Fast Forward in Dresden).

Das Teilprojekt rückt die folgenden institutionellen Transformationen im organisationalen Feld der Ausbildung in den Fokus:
Vom Regietheater zum Autor*innentheater: Die spätestens seit den 1970er Jahren dominante Theaterform des Regietheaters weicht überraschend rasant einem Paradigma, das gelegentlich als Autor*innentheater beschrieben wurde. Mit Nachdruck auf die eigene Autor*innenschaft setzend, nutzen Theaterschaffende Kombinationen aus Eigen- und Fremdtexten unterschiedlichster Herkunft und Qualität oder beginnen ihre Arbeit gar nicht mehr mit einer dramatischen Textvorlage.
Kollektivierung und Flexibilisierung: Die Infragestellung der Regieposition beschränkt sich nicht nur auf das Verhältnis zum Text, sondern betrifft auch ihre Stellung in einem Arbeitszusammenhang, der zunehmend kollektiv, mit flachen Hierarchien und flexibler Aufgabenteilung organisiert wird.
Arbeitsperspektiven und Unternehmer*innentum: Das Engagement am Stadt- oder Staatstheater ist nicht mehr die einzige Perspektive, an der Studierende für sich arbeiten. Längst setzen viele nicht allein auf ihre künstlerische Ausbildung, sondern bereiten sich mit vielfältigen Tätigkeiten wie Festivalorganisation, Verbandsarbeit und Produktionsleitung, aber auch mit kreativen Aufgaben als DJs, Video Cutter oder Web Designer*innen auf ein weitgefächertes selbstständiges Betätigungsfeld vor – als Arbeitskraftunternehmer*innen bzw. Unternehmer*innen ihrer Selbst.
Pandemie-Folgen und Digitalisierung der Ausbildung (Beitrag zum Corona-Querschnittsprojekt): Durch die ökonomischen und legitimatorischen Folgen der Pandemiebekämpfung für den Kulturbetrieb dürfte der Berufseintritt für junge Künstler*innen zusätzlich erschwert sein, sodass im Nachwuchsfeld kurz- und mittelfristig erhebliche soziale Härten zu befürchten sind. Gleichzeitig wurden in der Ausbildung im Zuge eines erzwungenen Digitalisierungssprungs zahlreiche neue Lehrformate und Kompetenzen entwickelt. Erforscht wird, ob diese auch nach Aufhebung der Beschränkungen Bestandteil der Ausbildung bleiben und inwieweit sie womöglich neue Ästhetiken und erweiterte Tätigkeitsfelder für Absolvent*innen schaffen.


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